Saatzucht aus Tradition

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Die Norddeutsche Pflanzenzucht blickt auf 120-jährige Unternehmensgeschichte zurück

 

Dietmar Brauer kennt die Namen fast aller seiner Mitarbeiter. Fast 300 sind es derzeit, so der Geschäftsführer der NPZ Norddeutsche Pflanzenzucht. In der Saison, wenn Ernte und Wiederaussaat anstehen, kommen stets bis zu 100 Aushilfskräfte dazu. Gerade wird sortiert, abgewogen, in kleine Tütchen aufs Gramm genau abgefüllt. An Tausenden davon kommt man bei einer Führung durch das Herzstück des Betriebes, die Saatzucht-Abteilung, vorbei. Stets sortiert und mit Strichcodes versehen, die sie einem bestimmten Pflanzenzuchtversuch zuordnen lassen. In der Verpackungsabteilung werden sie dann für den Versand zu den über 80 Versuchsstandorten europaweit vorbereitet.

Am Gründungsstandort des Unternehmens in Malchow auf der Insel Poel wurde für die umfangreichen Abläufe vor vier Jahren ein neuer Gebäudekomplex errichtet. „Neue Saatzucht“ steht mit grünen Buchstaben auf der Eingangstür. In der „alten Saatzucht“ sähen Mitarbeiterinnen gerade nach detaillierten Versuchsplänen Raps in Aufzuchtbehälter. Nebenan befinden sich die Gewächshäuser, in denen vor allem Raps in allen Altersstadien wächst. Auf der Ölpflanze liegt mittlerweile der Züchtungsschwerpunkt des Unternehmens. 1973 wurde die erste erucasäurearme Rapssorte „Lesira“ zugelassen. Bis heute sind viele weitere Züchtungen mit verbesserten Eigenschaften, wie höherem Ölgehalt, besserer Standfestigkeit oder Schädlingsresistenzen, dazugekommen. Insgesamt rund 80 Sorten, von Raps über Ackerbohnen, Erbsen, Rotklee und verschiedene Futtergräser, hat die NPZ derzeit im Sortiment. Bis zur Zulassung vergehen in der Regel bis zu zehn Jahre.

Schon 1897 begann die Firmengeschichte auf der Insel Poel. Brauers Urgroßvater Hans Lembke übernahm damals den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb in 10. Generation. Mit dem Ziel, gut angepasste und ertragreiche Anbaupflanzen zu erzeugen, befasste er sich intensiv mit der Pflanzenzüchtung und konnte 1911 die erste Sortenzulassung erreichen. Auch nach der Enteignung 1945 blieb Prof. Dr.h.c. Dr.h.c. Hans Lembke „seinem“ Betrieb treu und führte ihn als „volkseigene Saatgutzucht“ und später als Institut für Öl- und Futterpflanzenzüchtung weiter. Sein ältester Sohn, Hans-Georg Lembke, Brauers Großvater, gründete derweil in Schleswig-Holstein die Norddeutsche Pflanzenzucht und baute den Betrieb am Standort Hohenlieth bei Eckernförde auf, wo sich bis heute die Firmenzentrale befindet. Trotz eisernen Vorhangs gab es immer einen Austausch und Kooperationen zwischen beiden Betrieben in Ost und West. Nach der Wende kaufte die NPZ den Saatzuchtbetrieb auf Poel von der Treuhand zurück und organisierte die Pflanzenzüchtung fortan an beiden Standorten.

 

So gehört auch die Saatgutproduktion und Vermarktung zum Geschäft. Mit der Rapool-Ring GmbH, die 1974 u. a. von der NPZ mitgegründet wurde, wird Raps in ganz Europa vertrieben. Auch auf den kanadischen und australischen Saatgutmärkten ist die Norddeutsche Pflanzenzucht mit Niederlassungen und Tochtergesellschaften vertreten. Aus dem einst auf Poel aus einem landwirtschaftlichen Betrieb hervorgegangenen Familienunternehmen ist so innerhalb von 120 Jahren ein international agierendes Saatzuchtunternehmen geworden, in dem Traditionen dennoch nach wie vor groß geschrieben werden.

Text: Manuela Heberer, Fotos: NPZ